Am Ende des ersten Weltkrieges ist Deutschland besiegt, gedemütigt, und wird als Hauptverantwortlich für den Weltkrieg betrachtet. Es ist auch das Ende des Kaiserreiches. Das ist eine sehr schwierige Epoche, in der die Weimarer Republik sehr schlelcht wahrgenommen wird, und der Versailler Vertrag1 als Demütigung betrachtet wird.
Friedrich Ebert wird 1918 der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, und Pilipp Schneider der Reichkanzler. Sie bilden eine 'Weimarer Koalition' mit einer gemischten Regierung bestehend aus der SPD2, Zentrum, und der Linksliberalen DDP.3
1919 tritt die Regierung wegen vieler Proteste gegen den Versailler Vertrag zurück, der unter Druck unterzeichnet wurde. Der Versailler Vertrag stellt fest, dass Deutschland die alleinige Kriegsschuld hat, und dass das Land hohe Reparationszahlung bezahlen muss. Es verursacht sehr viel Unruhe. Davon profitieren die Links- (KPD)4 und die Rechtsextremen Parteien,die die Republik bedrohen.
Die Unterzeichnung des Versailler Vertrages löste bei der deutschen Bevölkerung große Empörung aus und gab den extremen Parteien Auftrieb.5
Deutschland erlebt eine wirtschaftliche Krise, in der die Inflationsgefahr immer grösser wird. Im Zuge der Inflation verarmen 1920-1923 die unteren Sozialen Schichten und besonders die kleine Bourgeoisie, die in das Proletariat zerfällt. Einige Andere aber profitieren von der Krise, um sich daran zu bereichern. Am 31. Oktober 1923 erreicht die Inflation ihren Höhepunkt: 1 Dollar entspricht 72,5 Milliarden Mark.6
In Bayern in der Nacht vom 8. zum 9. November 1923 ruft Hitler die nationale Revolution aus. Der Putschversuch von Hitler scheitert jedoch und er wird festgenommen.
Im Vergleich zu der katastrophalen Situation Deutschlands erlebt das Kino seine Blütezeit, sein sogenanntes 'Goldenenes Zeitalter'. Die UFA hat das Monopol der Filmindustrie in Deutschland, immer mehr Kinos werden gebaut und immer mehr Filme werden gedreht. 1922 kommen nicht weniger als 474 abwechslungsreiche Spielfilme heraus. Man entdeckt auch neue Drehtechniken wie die entfesselte Kamera.7
Das deutsche Kino ist in dieser Epoche vom Expressionismus sehr geprägt. Der expressionistische Film ist stark vom Theater und von der Romantik beeinflusst. Die Kulissen sind oft wie im Theater gemalt, es gibt helldunkel Lichtspiele und eine starke Suche nach einer gewissen Ästhetik. Der expressionistische Film ist also überhaupt nicht realistisch gemacht, bestimmt um der Realität zu entfliehen.
Sehr beliebt sind Reisefilme und Abenteuerfilme, die exotisch erscheinen. In einem isolierten Deutschland wollen die Leute etwas anderes sehen als den Alltag, sie wollen durch den Film reisen und etwas neues entdecken.8 Man entdeckt zum Beispiel asiatische und afrikanische Länder. Von dem österreichichen Filmregisseur und -produzent Joe May kann man den Film Herrin der Welt (1919-1920) nennen, in dem die Szene in einem rekonstruierten China spielt.
1.1 Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) von Robert Wiene
(mit Werner Krauss [Caligari], Conrad Veidt [Cesare] und Lil Dagover [Jane])
Francis erzählt auf einer Bank, das Drama, das er erlebt hat: Während eines Jahrmarks 1830 führt der Doktor Caligari einen Schlafwandler Medium namens Cesare vor. Drei Studenten namens Jane, Alan und Francis schauen der Szene zu. Cesare propheziert den Tod von Alan, der in der darauffolgenden Nacht ermordet wird. Jane wird von dem Schlafwandler entführt. Francis denkt, dass Caligari der Mörder ist, in dem er Cesare instrumentalisiert, um die Morde zu begehen, und verfolgt ihn. Am Ende bemerkt man aber, dass Francis, Jane und Cesare Patienten eines Irrenhauses sind, dessen Direktor Caligari ist. Man weiß also nicht, wer gut ist, wer die Wahrheit erzählt, wer verrückt ist und wer nicht.
Der Kriminalfilm Das Cabinet des Dr. Caligari ist eine Atelieraufnahme, die künstlerische Kulisse ist gemalt und die Leute sind übertrieben geschminkt. Seine Athmosphere ist geheimnisvoll und märchenhaft. Das ist im Endeffekt ein wunderschönes expressionistisches Meisterwerk.
Einerseits betrachten Einige den Film als ein ästhetisches deutsches Kunstwerk. Hingegen interpretiert der deutsche Filmkritiker und Begründer der Filmsoziologie Siegfried Kracauer in seinem Buch Von Caligari bis Hitler die Hauptfigur Caligari als ein Bild der autoritären Macht, die den Ersten Weltkrieg verursacht hat: Caligari ist ein 'Monster' und ein 'Tyrann', der mittels Hypnose die Leute manipuliert und sie instrumentalisiert.1
Die deutsch-französische Filmhistorikerin und Filmkritikerin Lotte Eisner bemerkt in ihrem Buch Die demonische Leinwand jedoch, dass Schauermärchen eine lange Tradition in Deutschland haben. Die wiederholten Themen der Doppelgänger, der unvernünftigen Mächte, des Nachtwandelns, des Wahnsinns, der Hypnose und der Träume sind in der deutschen Literatur rekurrent. Man sieht auch dadurch ein großes Interesse an der freudschen Psychoanalyse am Anfang des Jahrhunderts.2
Der Mord und der gewaltsame Tod in Das Cabinet des Dr. Caligari spiegelt vermutlich die Gründerzeit3 wider, das heißt eine Übergangsepoche, in der die großen entfremdeten Städte während der Industrialisierung gegründet wurden. Das ist auch die Zeit der Abschaffungen der traditionellen Werte, was die Familie und die Religion betreffen. Es verursacht ein Gefühl von Einsamkeit, Entfremdung, Dekadenz und Angst des Individuums. Es sind also viele Symbole der Realität, die man in der geheimnisvollen Athmosphäre und im Hintergrund des Filmes Das Cabinet des Dr. Caligari wieder spüren kann.4
1.2 Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau
(mit Max Schreck [Graf Orlock], Alexander Granach [Knock], Gustav von Wangenheim [Hutter], Greta Schröder [Hellen])
Nach dem Roman Dracula (1897) von Bram Stocker
Der Häusermakler Knock muss ein Haus in Wisborg für den Graf Orlock, der aus den Karpaten kommt, finden. Sein Mitarbeiter Hutter soll also bis in die Karpaten reisen, um dem Grafen Orlock ein Haus anzubieten. Das Haus ist eine Ruine, aber befindet sich gegenüber das Haus von Hutter. Hutter fährt also weg und lässt seine Frau Hellen bei seiner Cousine, die sehr besorgt um ihren Mann ist, als ob sie ein schlechtes Vorgefühl hätte. Während seiner langen Reise macht Hutter einen Aufenthalt in einem Gasthof, in dem die Leute ihn vor dem Grafen Orlock vorwarnen; sie lassen ihn Das Buch der Vampyre lesen. Aber der junge Mann berücksichtigt diese Vorwarnung nicht, und setzt seine Reise fort. Als er das geheimnisvolle und beangstigende Schloss erreicht, wird er von einer mysteriösen Figur, dem Graf Orlock, empfangen. Jede Nacht saugt dann der Graf Orlock das Blut von Hutter, der jeden Morgen mit Bissmalen an dem Hals erwacht, aber er erinnert sich nicht mehr was in der Nacht geschieht. So dauert es bis der Graf den Hausvertrag unterschreibt. Hutter fährt wieder nach Hause zurück und der Graf geht an Bord eines Schiffes (Die Empusa) mit seinem Sarg. Damit nimmt er die Pest - von Ratten symbolisiert - mit und tötet die ganze Besatzung. Als das gespenstige Schiff in Wisborg ankommt, kommt auch die Pest in die Stadt. Knock wird immer verrückter, als der Graf (sein 'Meister') immer näher kommt. Jetzt wohnt der Vampir in dem Haus und schaut die ganze Zeit aus dem Fenster, um Hellen zu beobachten. Hellen hat immer mehr Halluzinationen. Als Hutter weg ist, versucht der Vampir sich Hellen anzunähern. Er saugt ihr Blut, aber vergisst, dass das Morgengrauen naht. Da er das Tageslicht nicht ertragen kann, vergeht er zu Asche. Hellen ist tot. Die Pest verschwindet gleizeitig wie der Vampir.
Nosferatu ist ein gruseliger und spannender Film mit einer geheimnisvollen und sonderbaren Athmosphäre. Die Lichtspiele und Schattenspiele wirken in dem Film irreal wie in einem Traum oder einem Märchen. Man findet darin alle zentralen Elemente des expressionistischen Film, das heisst Angst, Entsetzen, Übernatürliche, Magie. Hier geht es um ein Machtspiel zwischen dem Guten und dem Bösen. Die romantische Landschaft, die je nach seine Atmosphere fröhlich oder bedrohlich ist, spiegelt die Situation und Laune der Figuren wider. Die Krankheit ihrerseits wird als Fluch betrachtet.
Kracauer sieht in der Figur Nosferatu die Metapher des Tyrann, die die Ankunft von Hitler an der Macht voraussieht.1
Der Film wird aber auch ganz falsch interpretiert. Er wird als antisemitisch betrachtet und hat mit den grausamen und antisemitischen Propagandafilm der Nazis Der Ewige Jude (1940) viele Gemeinsamkeiten.2
1.3 Das Kammerspiel
Eine neue Gattung erscheint auch: Das Kammerspiel. Es handelt oft von gewaltsamen realistischen Dramen, die auf einer kleinen Theaterbühne gespielt werden. Die Lichtspiele und das intime Spiel geben den Filmen eine besondere und düstere Athmosphäre. Der Film Scherben, ein deutsches Filmkammerspiel (1921) von Lupu Pick ist ein guter Beispiel für ein Kammerspiel. Es gibt nur 4 Figuren und die Geschichte handelt von Sex und Mord. Die Kammerspiele sind Low-Budgetfilme, was den Mangel an technischen Mitteln und an Geld nach dem Krieg widerspiegelt. Das Kammerspiel beeinflusst bekannte Regisseure wie Murnau und Lang.
1 Monika Bellan, 100 ans de cinéma allemand, Paris, 2001, S. 31
2Bernard Eisenschitz, Le cinéma allemand, Paris, 2004, S. 24
1 Monika Bellan, 100 ans de cinéma allemand, Paris, 2001, S. 28
2Ebd., S. 28/29
3Die Gründerzeit: Wirtschaftliche Phase im 19. Jhdt in Deutschland und Österreich während der Industrialisierung.
4 Monika Bellan, 100 ans de cinéma allemand, Paris, 2001, S. 29
1Der Friedensvertrag von Versailles ist am 28. Juni zwischen dem deutschen Reich und den Mächten der 'Triple Entente' (Frankreich, Grossbritannien und Russland) unterzeichnet. Der Vertrag stellt fest, dass Deutschland alleine Kreigsschuld ist und verpflichtet es die hohen Reparationen zu zahlen.
2SPD: Sozialdemokratische Partei Deutschlands
3DDP: Deutsche Demokratische Partei
4KPD: Kommunistische Partei Deutschlands
5Franz Moellmann, Cinéma et littérature, Deutsches Kino und Literatur, Matériaux pour l'étude de la langue et de la civilisation allemandes, Paris, 1996, S. 20
6Ebd., S. 20
7Entfesselte Kamera: Filmtechnik: in den 1920er-Jahren entwickeltes Filmverfahren, bei dem sich die Filmkamera nicht unbewegt auf einem Stativ befindet, sondern z. B. auf fahrbaren Untersätzen frei durch den Raum bewegt wird. (http://www.meyers.de)
8Bernard Eisenschitz, Le cinéma allemand, Paris, 2004, S. 18
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